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Unheimliche Begegnung
 

Ist Euch das auch schon mal passiert?

Man hört ein Musikstück, sieht eine kleine Filmepisode oder erkennt einen markanten Gegenstand, und wie aus dem Nichts schießen einem sofort besondere Erlebnisse oder ungewöhnliche Geschichten durch den Kopf. Das Gehirn verknüpft sämtliche Synapsen, legt die elektronischen Weichen und lässt die Daten fließen. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunden werden Personen, Gespräche und Situationen zur Wirklichkeit, die Zeitreise nimmt sofort Formen und Bilder an.

Bei mir heißt diese Schaltung von Gehirnströmen - Visitenkarten……seltsam oder?

 

Rumänien – wir streifen durchs Karpartenland.

Direkt hinter einer Straßenbiegung winkt uns hektisch ein älterer Mann heran.

Er steht neben seinem liegen gebliebenen Renault mit französischem Ausfuhr-Nummernschild.

Er wirkt gut gekleidet, sehr souverän. Überglücklich dass endlich jemand anhält, beginnt er sofort mit seinem multikulturellen Redeschwall.

 

Es ist eine chaotische Unterhaltung, Worte aus deutschen, französischen und undefinierbaren Sprachbrocken vereint er mit hektischen Handbewegungen zu einer Lebensgeschichte.

Er hat drei Brüder, vier Kinder und eine schöne Frau.

Jetzt ist sie alt, aber ein gutes Weib. Einer seiner Bruder lebt in Hannover, er selber hat den Lieblingsbruder dort bereits in den 80er Jahren besucht und ist in Hannover auch am Herzen operiert worden.

Ach ja, die Deutschen sind einfach klasse, so ordentlich und fleißig. Genau wie der Oberarzt.

Oh, ja schöne Motorräder haben wir, aber man kann sich nicht auf die Rumänen verlassen, alles Zigeuner.

WAs für ein Durcheinander, die Minuten verstreichen endlich kommt er zum Wesentlichen.

 

Er sei ein ehrlicher Türke aus Frankreich, er musste in der Türkei wichtige Geschäfte tätigen und befindet sich nun auf Rückfahrt von der Türkei nach Lyon, nur kurz hat er einen geschäftlichen Abstecher durch Rumänien gemacht.

Leider hat er die letzte Tankstelle verpasst und der Tank ist jetzt leer.

Seit mehr als drei Stunden wartet er nun schon in diesem schrecklichen Niemandsland.

Bis jetzt hielt kein Mensch an, aber uns schickt der Himmel. Er hebt die Hände übertrieben zum Himmel, grinst dabei übers ganze Gesicht und die goldenen Zähne blitzen in der Mittagsonne.

 

Wo ist denn die nächste Tankstelle oder der nächste Geldautomat?

Unsere Antwort lässt ihm das Grauen im Gesicht aufsteigen, was??

60 Kilometer zurücklaufen, nein das will er nicht. Können wir nicht ein wenig helfen?

Leider hat der gute Mann kein rumänisches Geld mehr, sein Handy hat keinen Empfang und seine Kreditkarte, die aussieht wie ein bunter Videothekenausweis, ist leider eingerissen.

Er kramt in seiner Tasche und wedelt mit einem türkischen Geldschein, aber auch mit diesem, kann er hier in der Pampa nicht viel anfangen.

 

Uns tut er jetzt leid und wir versuchen einen Lösung zu finden, 

plötzlich legt er ein schelmisches Grinsen zur anschließenden Frage auf

“ Du können sagen, 200 Euro -  wieviele Rumänische Lei Du bekommen ?“

Ich nenne ihm die Summe.

Plötzlich zieht er seinen dicken, schweren, goldenen Siegelring vom Finger ab.

Er drückt mir das Ding unerwartet in die Hand. Zusätzlich zeigt er mir eine verknitterte Visitenkarte aus Hannover.

„200 Euro kosten diese Ring in Türkei, ich habe viele Ringe zuhause – Du jetzt  mein Freund, was Du geben dafür? Bitte Du nehmen, bitte, probieren für 100 Euro schöner Ring!

Du leihen mir 100 Euro-Geld und meine Bruder geben Dir in Deutschland zurück. Du kannst aber Ring behalten. Hier seine Adresse.“

 

Ich mache profimäßig ein gelangweiltes Gesicht, ich kann mein Glück kaum fassen,

gleich werde ich einen guten Gewinn machen.

Mein Puls ist auf 180, ganz gekonnt erkläre ich ihm, dass ich so einen Ring  garnicht gebrauchen kann.

Er jammert wieder über sein Missgeschick, hätte er doch nur etwas besser auf die Tankstellen geachtet. Die Rumänen hätten Schilder aufstellen sollen und dann hält keiner an, um ihm zu helfen. Aber was nützt es, der Ring muss jetzt für ganz kleines Geld weg.

Ich lege wortlos den Ring auf die Sitzbank.

 

Es klimpert, der Gestrandete hat den Ring vermehrt und nun liegen zwei Ringe auf dem schwarzen Sitzbankbezug. Das Ganze zum Dumpingpreis von 50 Euro.

Ich ziehe den Geldschein hervor, er greift zu und im selben Moment werde ich stutzig!

Soviel Gold für 50 Euro?

 

Meinen fünfzig Euroschein halten wir jeweils an den Enden fest und schauen uns dabei an.

Wir halten nicht fest, wir ziehen daran!

Die Szene ist filmreif, unsere Mienen verfinstern sich.

Ich bereite der Sache ein Ende, ziehe so kräftig an meinem Geldschein, dass er kurz vor dem Zerreißen ist, der Schein gehört wieder mir und ich stopfe die Ringe in seine Hemdtasche.

Da ich mir unsicher bin, ob wir einem Betrüger oder doch einem Tankstellenopfer gegenüber stehen, schenken wir dem Mann 2 Liter Benzin und 20 Lei, damit wird er ein paar Kilometer weiterkommen.

Mit einem verschmitzten Lächeln küsst er jedem von uns die Hände und wir ziehen etwas zwiespältig weiter.

 

Die zweite Visitenkarte hält man mir ein Jahr später in der Slowakei vor die Nase.

Wir haben die Tatra gerade hinter uns gelassen,

da hält uns ein junger Mann am Straßenrand an.

In einem perfekten Deutsch erzählt er uns sein Schicksal.

Sein silberfarbener 5er-BMW Kombi mit Zollkennzeichen hatte sehr viel Benzin verbraucht.

Mit fast leerem Tank steht er jetzt hier, sein Handy funktioniert nicht und seine Kreditkarte hat einen kleinen Riss.

 

Hääääh- kenn ich doch.

 

Er zeigt mir dabei eine eingerissene Magnetstreifenkarte und drückt mir zeitgleich die Visitenkarte seines Vaters in die Hand.

Welch Zufall, der Vater lebt in Düsseldorf und ist ein reicher Geschäftsmann,

er macht in Im –und Export.

Ach bitte, wir sollen dem jungen Mann nur 50 Euro leihen, dafür bekommen wir als Pfand einen goldenen Siegelring und der Vater wird uns in Deutschland das Geld inklusive einer Prämie zurückzahlen.

 

Ehe ich Nein sagen kann legt er mir, mit einem bittenden Blick, einen dicken,

goldenen Ring in die Hand.

Nein, nein, wir haben kein Geld.

 

Ich gebe den Goldring zurück und wir machen uns eilig auf den Weg.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass im BMW vier weitere zwielichtige Typen sitzen.

Nach kurzer Fahrt stottert mein Motorrad und ich erreiche endlich die rettende Tankstelle.

Ein dubioser Reifenhändler, in der unmittelbaren Nachbarschaft der Tankstelle, öffnet das Tor und ich erblickte den silberfarbenen BMW Kombi.

 

Nanu, doch kein Spritmangel?

Der Wagen muss uns in der Zwischenzeit überholt haben.

Mit dem Fotoapparat bewaffnet laufe ich zum Zaun, eine coole Geschichte,

da brauche ich unbedingt ein paar Fotos.

 

Nervös zupft mich jemand am Ärmel. I

ch schaue seitlich, dann etwas nach unten und ein slowakischer kleiner Opa blickt mich an.

„Keine Fotos, nicht gut…“ raunte er mir zu.

„Mafia, Mafiaaaa“ flüsterte er.

Ich schaue Ihn an und frage genauer nach.

Mit Händen und Füßen erzählt er mir, dass dort die rumänische Mafia Ihr Unwesen treibt. Professionelle Autoschieber hausen dort und ganz nebenbei versuchen sie immer wieder westlichen Touristen billige Goldringe anzudrehen.

 

Keine Fotos, sagt er noch einmal eindringlich zu mir und ist auch schon verschwunden.

Ich drehe mich um, denn einer der Rumänen kommt auf mich zu.

Der Motor dröhnt, eine kleine Kawasaki kann verdammt gut Gas geben,

wenn es darauf ankommt.

 

Nächster Schauplatz-Autobahnkreuz Herne.

Ich fahre auf der A43 und biege ab auf die A42.

Ein lange Fahrt habe ich hinter mir, vor Stunden war ich noch an der tschechischen Grenze, jetzt bringt mich die kleine Kawasaki nach Hause.

Es dämmert.

 

Mitten im Autobahnkreuz steht ein Mercedes am Straßenrand und aufgeregt winkt ein junger Mann mit südländischen Touch. Im Auto sitzen seine grimmigen Freunde.

Ein Blick aufs Nummernschild – Ausfuhrkennzeichen!

 

Fröhlich kommt er auf mich zu,

ich öffne das Visier und er hält mir freundlich eine Visitenkarte vor die Nase,

in der Hand blitzt ein Ring.

Er will gerade beginnen, da schreie ich ihn an.

 

„Männeken, so nich….

Nich nochmaa.. nicht mit mir…

Ich kenne Euch alle… in Rumänien habe ich deinen Vater kennengelernt und in der Slowakei deinen Bruder.

Ihr seid doch alle gleich…ihr mit Eurem kaputten Videothekenausweisen und den billigen Kaugummiautomaten-Ringen!

Mach bloß das Du davon kommst, sonst rufe ich die Bullen!“

Wütend zerreisse ich seine angebliche Visitenkarte, bekommt er die Panik und stolpert davon.

Ist schon komisch, was so eine Visitenkarte bei mir ausrichten kann.