| Tatra-Tortour Slowakei |
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Tatra Tortour Ein Wintertrail auf alten Postkutschenreisewegen bis in die hohe Tatra
Chaos am Salzburger Bahnhof. 250 Menschen laufen aufgeregt umher, Bahnbedienstete sind überfordert und die Autoreisezüge nach Hamburg, Berlin und Düsseldorf können nicht weiter abgefertigt werden. Eine Frau wurde auf den falschen Autoreisezug eingewiesen. Als der Fehler bemerkt wurde, weigerte sich ein Fahrer hinter ihr mit seinem Auto rückwärts vom Zug zu fahren. Nichts geht mehr! Und ich habe Zeit über unsere vergangene Reise nachzudenken. Ich konnte im Vorfeld eine Kopie einer alten Postkutschenstreckenkarte von 1764 ausfindig machen. Unsere Idee war, wie die Menschen vor Jahrhunderten, den Naturgewalten zu trotzen und zu versuchen auf den ehemaligen Postkutschenwegen die hohe Tatra zu erreichen. Der zweite Ansporn für unsere Reise war die Schwiegermutter von Rainer. Sie wurde als junges Mädchen während des zweiten Weltkrieges, mitsamt Ihrer Familie aus dem Elternhaus getrieben und per Viehwaggon aus ihrer Heimatstadt Frankenstein in den Westen deportiert.Übrig blieben ihr nur ein paar alte Fotografien, die uns jetzt halfen das Elternhaus im heutigen Polen wiederzufinden.
Der perfekte Ausgangspunkt für diese war das alte Schloss Augustusburg bei Chemnitz. Hier fand zum 38ten Male das Wintertreffen der ehemaligen DDR statt.
Nach diesem Wochenende ging zügig es Richtung Dresden bis zur polnischen Grenze. Bei Bautzen fanden wir unsere erste Postsäule, für uns ein Zeichen dass wir uns auf dem richtigen Weg in den Osten befanden. Diese Postsäulen wurden überwiegend um 1725 errichtet und zeigten den Reisenden die Entfernung zu den nächsten Städten an.
Seit Anfang des Jahres war die Grenze zu Polen gefallen und über kleine Landstrassen erreichten wir das alte Städtchen Frankenstein, dem heutigen Zabkowice Slasky. Das erste und (einzige) Hotel am Platze, bescherte uns eine Zeitreise zurück in die sozialistische Ostblockzeit. Die Motorräder parkten wir in einer der baufälligen Garage für einen Obolus von 3 Euro. Das Mobiliar in dem Hotelzimmer war wohl schon seit 1963 defekt und die letzte Renovierung des Bades stammte aus den 70er Jahren. Amüsiert schossen wir Fotos für unsere Ikea verwöhnten Freunde.
Nachdem wir den alten Stadtkern von Frankenstein mehrfach umrundeten, fanden wir in einem alten Stadtteil das Elternhaus der Schwiegermutter. Auch der alte Bahnhof sah noch so aus wie vor 60 Jahren und uns lief der Schauer über den Rücken, als wir an das Leid und die Tragödien von damals dachten. In den letzten Kriegstagen wurden die ahnungslosen Familien, ohne Vorwarnung mit Maschinengewehren, von den neuen Machthabern aus ihren Häusern getrieben. Grosse Panik machte sich damals breit, denn niemand wusste wohin sie das Schicksal nun treiben wird. Am Bahnhof hatte man die Familienmitglieder bewusst getrennt, gedemütigt und in Viehwaggons verladen, mit nur einem Ziel: Raus aus dem Land, ab in die Ungewissheit! Rainers Schwiegermutter hatte Glück, im Ruhrgebiet angekommen, fanden sich hier nach und nach alle Familienmitglieder wieder ein und ein neues Leben begann. Die Erinnerung an die glücklichen Kindheitstage in Frankenstein, lebte aber in ihr immer weiter. Nach dieser Zeitreise machten wir uns am nächsten Tag auf, Richtung Slowakei. Über Luban, Rajcza, Glinka erreichten wir auf kleinen verlassenen Strassen die Hohe Tatra. Die Temperaturen fielen weit unter den Gefrierpunkt und die vereisten Strassen machten uns zu schaffen. Aufgrund des Nebels konnte man unmöglich mit geschlossenem Visier fahren und so brannte der einsetzende Eisregen fürchterlich in den Augen. Vereiste Wege und Schneeverwehungen mussten überwunden werden und die selbstgebauten Schneeketten taten ihr Bestes. Wir besuchten das Wintersportgebiet Zakopane auf der polnischen Seite und fuhren im großen Bogen zurück über Rosenberg ins idyllische Vratna Tal in der Male Fatra. Die Kulisse in dem Nationalpark war einzigartig und so verbrachten wir viel Zeit jeden Waldweg zu erkunden. Die alte Burg Orava bei Oravsky Podzamok war ein weiteres Ziel auf unserer Postkutschenreiseroute.
Die Burg ist in drei Terrassen auf einem Berg gebaut und zeigt eindrucksvoll die Geschichte von mehreren Jahrhunderten. Die geführte Burgbesichtigung in slowakischer Sprache wurde zum lustigen Spektakel, da wir die einzigen Deutschen an diesem Tag waren, die eine slowakische Führung genossen hatten. Verstanden haben wir eigentlich gar nichts, aber ein Handzettel half uns ein wenig weiter.
In der Nähe von Spisske Podhardie, in Richtung Ukraine, liegen die Überreste der Zipser-Burg. Die zum nationalen Kulturdenkmal erklärte Burg, thront in 200 Meter Höhe auf einem Felsmassiv. Dieser strategische Vorteil machte die Burg seinerzeit zur viertgrößten Wehranlage in Europa. Die Burg wurde bereits im 12ten Jahrhundert errichtet. Sie hielt unter Anderem im 14ten Jahrhundert dem Mongolensturm stand und wurde nach einem Brand im Jahre 1780 aufgegeben. Im dichten Nebel eingehüllt, lag der Berg vor uns und gab schemenhaft die Burg frei. Nicht eine Menschenseele war zu sehen. Kein Wunder, wer besucht schon diese Gegend mitten im Winter. Für uns war es kein Problem, wir fuhren mit den Motorrädern hoch bis zum eisernen Tor der alten Wehranlage.
Bei Presov entdeckten wir Serpentinen und Steigungen bis 15%, eine super Strecke für jeden Motorradfahrer, allerdings jagte uns der Streusplitt in den Kurven einen tüchtigen Respekt ein. Der Regen und die Schneewolken zogen wieder auf und so flohen wir über Levoca ins Slowakische Paradies, der Niederen Tatra. Wir suchten die kleinen Strassen und bei Mlynky entdeckten wir ein Winterparadies. Schnee, Schotter und Strassen mit dickem Eisüberzug begleiteten unseren Weg. Wilde Bäche schlängelten sich durch die Schneelandschaft und immer wieder versank der Wald im Nebel. Hier erfanden wir eine neue Trendsportart, das Motorrad-Gleitschuhjöring! Das Gepäck wurde abgeschnallt, an die XT banden wir einen Spanngurt und ich zog die mitgebrachten Gleitschuhe aus den 70er Jahren an. Es machte riesigen Spaß hinter dem Motorrad zu gleiten und wir freuten uns über die gelungenen Filmaufnahmen.
Bis auf 1300 Meter schraubte sich die Passstrasse herauf, bei Nizna Boca waren wir anschließend die Attraktion für die Wintersportler.
Ausgepowert erreichten die Skifahrer das kleine Skirestaurant an der Passstrasse. Während sie Ihre Skier aufrecht in den Schnee steckten, ließen wir zum Parken der Motorräder die Hinterräder durchdrehen und frästen so eine Parkmöglichkeit in den Schnee. In einer ausladenden Schleife fuhren wir weiter auf der Postkutschenroute über Prievizda, um die Stadt Bojnice zu erreichen. Auch hier nutzten wir jede Gelegenheit, um die kleinen Nebenstrassen zu erforschen. Die Videokamera wurde rechtzeitig aufs Heck geschraubt, sobald sich eine Bachdurchfahrt ankündigte oder ein matschiger Waldweg ankündigte. Die Abenteuerspiele waren also immer im Reisegepäck!
Direkt hinter der Burg Bojnice, beginnt eine Serpentinenstrasse Richtung Nitranske Rudno, wir passierten den zugefrorenen Stausee und bogen ab in den nächsten Holzfällerweg. Hier erwartete uns ein Eldorado für Abenteurer und wir machten dem alten Globetrotter Tesch alle Ehren. Flussdurchfahrten bei -2 Grad. Das Wasser spritzte zu allen Seiten und wir mussten aufpassen an den vereisten Ufern nicht rückwärts ins Wasser zu kippen.
Gegenseitig schoben wir uns aus dem matschigen Waldboden und hatten dabei einen Heidenspaß. Irgendwann mussten wir aber wieder die normale Strasse erreichen, denn der Zeitplan drängte.
Die alte XT fuhr plötzlich ruppig und wir entschieden, die nächste Tankstelle in Novacky anzufahren. Unterwegs hielt uns ein junger Mann am Straßenrand an. Im perfekten Deutsch erzählte er uns sein Schicksal. Sein silberfarbener BMW Kombi mit deutschem Zollkennzeichen hatte kein Sprit mehr und seine Kreditkarte hätte einen Defekt. Er zeigte mir dabei irgendeine eingerissene Magnetstreifenkarte. Wir sollten dem jungen Mann 50 Euro leihen, dafür bekämen wir als Pfand einen goldenen Siegelring und sein Vater würde uns in Deutschland das Geld inklusive einer Prämie zurückzahlen. Nun ja, dumm war eigentlich nur, dass wir exakt die gleiche Geschichte im letzten Jahr in Rumänien von einem ebenfalls angeblichen, liegen geblieben Opfer gehört hatten!
Im Stottertakt der XT erreichten wir endlich die rettende Tankstelle. Bei einem dubiosen Reifenhändler in der Nachbarschaft erblickte ich plötzlich den silberfarbenen BMW Kombi. Nanu, doch kein Spritmangel? Der Wagen musste uns in der Zwischenzeit überholt haben. Mit dem Fotoapparat bewaffnet lief ich zum Zaun und schoss fleißig einige Fotos. War ja eine tolle Story. Ziemlich nervös zupfte mich unerwartet ein slowakischer Opa am Ärmel. Keine Fotos, raunte er mir zu. Mafia, Mafia, flüsterte er. Ich drehte auf der Stelle um, lief eilig zurück zur Tankstelle und gab den Jungs ein Zeichen. Nichts wie weg hier, wir starteten die Motoren, gaben Gas und…. die XT streikte! Kreidebleich schoben wir die Motorräder hinter die Tankstelle, die Rumänen hatten uns nicht mehr gesehen und so blieb uns nichts anderes übrig, als das Motorrad zu zerlegen.
Der Vergaser war komplett verschmutzt, wir reinigten diesen und beim ersten Kick sprang der Motor mit dem gewohnten Brüllen wieder an. Wir wechselten noch die Route und die Mafia schien endgültig das Interesse an drei verschmutzte, nach Benzinriechende Winterfahrer verloren zu haben. Die XT schnurrte, die Bergsträßchen schlängelten sich unter den Motorrädern und das Wetter zeigte sich von seiner sonnigen Seite. Immer wieder zeigten uns alte Dörfer, Burgruinen, Herrenhäuser und kleine Städtchen mit uralten Stadtkernen, dass wir uns auf der richtigen Spur befanden. So durchquerten wir die komplette Slowakei Richtung Österreich. Als die Sonne verschwunden war, wurde es empfindlich kalt.
Hinter Senec wechselten wir die Strasse nach Bratislava. Eine riesige Stadt an der Donau, dreimal durchfuhren wir die gleichen Gegenden, ehe wir endlich den Weg auf kleinen Strassen nach Österreich fanden. Ob das den Kutschern von damals auch passiert ist? Zügig erreichten wir im Freitags-Feierabendverkehr die Altstadt von Wien. Mit vollgeladenen Motorrädern, durch den dichten hektischen Verkehr ist das ein Abenteuer für sich!
Die Bundesstraße 1 führt über St.Pölden und mit Einbruch der Dunkelheit stoppten wir im Städtchen Prinzerdorf. Stielecht quartierten wir uns im alten Gasthaus „Zur Post“ ein. Aus dem 17ten Jahrhundert stammte dieses Haus. Im hinteren Saal feierte der örtliche Sportverein seinen Jahresabschluss und an der Theke fielen zu später Stunde einige der Stammgäste buchstäblich volltrunken vom Hocker. Die Motorräder wurden am nächsten kalten, aber sonnigen Morgen gesattelt und in einer Tagesetappe erreichten wir unseren Zielbahnhof in Salzburg.
250 Menschen laufen aufgeregt herum, Bahnbedienstete sind überfordert und die Autoreisezüge nach Hamburg, Berlin und Düsseldorf können nicht abgefertigt werden. Belustigt nehmen wir die Verspätung von über drei Stunden hin, Galgenhumor macht sich breit und witzige Gespräche mit den anderen Leidensgenossen werden geführt. Die Arbeiter haben mittlerweile den Zug getrennt, die Autos werden diesmal richtig verladen und langsam dürfen sich die Düsseldorfer Zugreisenden einchecken.
Eigentlich war die Tatra ja gar keine Tortur. Ich glaube wir fahren im nächsten Jahr mal übers Eis, aber das wird eine andere Story. |