| McGyvers Erbe |
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Die Sonne steht hoch am stahlblauen Himmel, ich strecke meine Füße weit über die Trittbretter, lehne mich an den großen Ortliebsack, klappe das Sonnenvisier herunter und genieße die Fahrt. Raus aus dem Ruhrgebiet, locker sein…keine Reise-Hektik, kein Reparieren, einfach nur die Langsamkeit des Reisens erleben. Eine Vater-Tochter Urlaubsreise soll es werden, diesmal nicht mit der dicken BMW zur französischen Küste, nein, mit zwei Mofas nach Limburg. Ist mal etwas anderes, so etwas wie eine Meditationsreise, zurück zu den Zweiradwurzeln. Mein ausgeliehener Roller hat erst 2600 Kilometer auf der Uhr und stand seit fast zwei Jahren in der Garage von einem Bekannten. „Den kannste gerne ausgeliehen haben…, is’ super zuverlässig, musste nur zum Laufen bringen, springt nach der langen Standzeit bestimmt nicht an“, sagt Rainer und freut sich das seine koreanische Massenware wieder das Tageslicht sehen wird. Kein Problem für mich, Zündkerze reinigen, ein wenig Schmutzwasser aus der Schwimmerkammer ablassen, ein neues Versicherungskennzeichen und der Roller läuft.Am nächsten Mittag geht es voll bepackt und erwartungsfreudig los. Angelina vorweg und ich hinterher. Weit hinterher…vermutlich fahre ich den einzigen unfrisierten Roller aus ganz Nordrhein Westfalen.Duisburg – Oberhausen, nach acht Kilometern befindet sich wieder ein wenig Schmutz im Vergaser, ….kann ja mal vorkommen. Ein paar Kilometer weiter, Oberhausen - Essen, ein kurzer Stopp im Südviertel, meine Tochter schießt Fotos und ich schraube den lockeren Zündkerzenstecker wieder ans Kabel, mmmh….komisch. Essen Kupferdreh, auf dem der Baldeneysee schwimmen Boote, in meinem Vergaser schwimmt der Dreck. Meine Finger stinken schon wieder nach Sprit, der Jackenärmel auch.Velbert Neviges, der Roller nervt ewig. Jetzt ist auch noch der Kickstarterhebel vom vielen Antreten krumm.Bloß nicht schimpfen, das Kind wollte schließlich in den Urlaub.Hermansbruch, Eckbusch, Katernberg, Grifflenberg ich kann nicht mehr.6-mal habe ich mittlerweile den Vergaser unterwegs reinigen müssen, ständig finde ich Rost und Ablagerungen aus dem drei Jahre alten Rollertank. Ich bin am Ende. Wir quartieren uns nach ganzen 55 Kilometer in einem Gasthof ein. Tolle Tour, mit dem Fahrrad wäre ich vermutlich schneller gewesen. Am nächsten Morgen mache ich Nägel mit Köpfen, wir lassen erst einmal den restlichen Tankinhalt in PET Flaschen ab und ich reinige zur Sicherheit den kleinen Unterdruckbenzinhahn. Weiter…in meinen Gedanken verliere ich gerade ein Beschleunigungsrennen gegen Nacktschnecken.Das Navigationsgerät zeigt uns die kleinen Fahrradwege und Nebenstrassen quer durch Remscheid in Richtung bergisches Land. Ich bin wieder dabei, es läuft. Mir war gar nicht bewusst, dass es hier so viele kleine Bäche, Serpentinen und leichte Hügel gibt. Ich fange an diese Reiseart zu lieben. Gemütlich fahre ich hinter meiner Tochter her, balanciere einhändig den Fotoapparat und genieße das Vollgas…..plötzlich sind sie da, diese Fahrradfahrer. Sie schießen aus meinem Windschatten und haben nur darauf gewartet, mir die Rückenwerbung ihrer gelben Pseudo-Rennfahrertrikots zu zeigen. Unverschämtheit, euch hole ich schon ein….Vollgas, es läuft…Meter für Meter wird der Abstand zwischen uns ….größer! Meine Motorleistung ist wieder dahin. Trotz des vollen Tanks, ist kein Sprit mehr in der Schwimmerkammer. Es liegt am Unterdruckbenzinhahn, dieser macht anscheinend nicht weit genug auf. Der Motor verliert an Leistung, erzeugt dadurch weniger Vakuum, der Benzinhahn schließt minimal und so schon verringert sich Motorleistung. Jetzt ist Schluss, fluchend wühle ich in meinen Überlebungspaketen.Wie gut, dass ich immer einen dünnen Schlauch dabei habe, diesen schnell an den Vakuumanschluss angestülpt. Wie ein Wilder an einer Wasserpfeife sauge ich und die Membrane öffnet den Tankabschluss.Das zündende Nass fließt sofort nach und der Motor entwickelt seine volle Mofa-Leistung. Meine Tochter navigiert uns gekonnt durch kleine Straßen, die Stunden verrinnen, die leichten Hügel rund um den Taunus versinken langsam in der wärmenden Nachmittagssonne. Eine traumhafte Idylle…aber nicht für mich! Ich finde die Sonne brennt mir unerbittlich in den Nacken, dieser Roller treibt mich in den Wahnsinn und die Tochter merkt noch nicht einmal, dass ich schon wieder am Straßenrand liegen bleibe. Ständig muss ich bei jedem kleinen Anstieg den Schlauch auspacken und an diesem Roller nuckeln. Mich kann er nicht leiden, ich will nach Hause!In einem kleinen Dorf flehe ich schließlich um Hilfe. Die Kunden in der Adlerapotheke verdrehen den Kopf, als ich zögernd das Gespräch eröffne: „Halten sie mich nicht für verrückt, ich muss meinen Roller reparieren! Ich brauche einen Schlauch und ganz viel Vakuum“. Erstaunte blicke, dann durchwühlen die Angestellten, der Chef und ich die Kisten und Kartons. Die ersten Exemplare sind zu klein, zu dünn, aber dann verlasse ich stolz das Geschäft.4,65 Euro bezahlt, ein zusätzlicher Stein von der Strasse und meine Probleme sind verschwunden. Wir hatten die zündende Idee und selbst ein Mac Gyver wäre nicht so schnell darauf gekommen.Einem Blasenkatheder schneide ich die Spitze ab und verbinde ihn mit dem Vakuumanschluss des kleinen Benzinhahnes. Das andere Ende passt exakt auf eine große Spritze mit 50ml Volumen und ich ziehe den Kolben kräftig zurück, die Menbrane öffnet. Mit Hilfe des kleinen Steines verhindere ich das komplette Zurückrutschen des Kolbens und das Benzin kann fließen. Was für eine Wohltat, ich lebe, der Roller läuft wieder!!Selbst das undichte Zelt in der Nacht macht mir keinen Kummer …wir fahren und fahren und fahren.Zwei Tage später, fahre ich allerdings mit den gelben Engeln nach Hause, denn eine explodierte Zündkerze, die Reste des Innengewindes im Motorblock und eine defekte CDI- Einheit am Sonntagmorgen besiegelten das Ende der Tour.
Vielleicht hätte der wahre Mac Gyver doch noch einen Trick darauf gehabt. |
