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Eispassage Duisburg nach Kiel, mit der Fähre nach Litauen, bis Estland, entlang der russischen Grenze durchs Baltikum. Ahnenforschung in den Masuren und dann eine abenteuerliche Rückfahrt ins heimatliche Ruhrgebiet. Lauf Baby lauf... die Kolben arbeiten unermüdlich auf und ab, der Antriebsriemen zerrt am Hinterrad. Und die kleine GPZ von 1986 stemmt sich mit ihren 34 PS in den Wind. Ich mute dem kleinen Motörchen verdammt viel zu! Auf dem Heck sitzt eine Tasche so groß, das die kleine Kawasaki selbst Platz darin finden könnte. Ein Motorradfahrer in einem Thermokombi, der eine Aerodynamik eines Heißluftballons besitzt und selbstgebaute Beinschilder, die wie ausladende Segel im Wind stehen. Die Bugwelle die der LKW vor sich herschiebt, scheint ein unüberwindliches Hindernis zu sein, aber die kleine GPZ 305 kämpft. Mit einem Jubelschrei überhole ich den grinsenden LKW Fahrer mit 98 Stundenkilometer und schere pendelnd vor ihm ein. Münsterland, Tecklenburger Land und das Artland fliegt an uns vorbei. Wir sind auf dem Weg nach Kiel, denn dort erwartet uns heute Abend die Fähre nach Klaipeda Litauen.Wir sind wieder aufSpur und wollen das Baltikum im Januar erleben. Guido folgt mir brav auf seiner 82er CB 400 N und hält mir beim Überholen auf der Autobahn den Rücken frei. Irgendwie pendelt die GPZ immer mehr, erst bei 85, dann bei 75 und schließlich bei 70Stundenkilometer wird das Pendeln immer stärker und jede Windböe macht das Fahren zur Schlingerpartie.  Hier stimmt etwas nicht. Als mir die Gedanken durch den Kopf schießen, ist Guido schon auf gleicher Höhe und deutet auf den Hinterreifen. Schnell auf den Randstreifen und das Malheur zeigt das wahre Ausmaß. Der Reifen hat kaum noch Luft, ein schleichender Plattfuß hat mich erwischt. 5 Kilometer vor einer Raststätte. Also im Schritttempo versuchen wir es weiter und kriechen zur rettenden Tankstelleninsel. In Minutenschnelle ist das Hinterrad ausgebaut, das Werkzeug liegt im Halbkreis um uns verteilt Sehr zur Freude der Raststättenbesucher veranstalten wir eine Open Air Reparatur. Noch aus MZ Zeiten krame ich die kleinen Montiereisen aus bester DDR Qualität hervor. Nach einer Weile sehen die Dinger aus wie verbogene Kaffeelöffel. Immer mehr Schichten der Motorradkleidung wandert zum herumliegenden Werkzeug, denn es ist eine schweißtreibende Sache bei + 1 Grad den Enduroreifen von der Felge zu wuchten. Den Ersatzschlauch eingebaut und mit vereinter Hilfe von Seitenständer, Montiereisen und jeder Menge Kettespray schaffen wir, das der Reifen nun endlich auf die Felge rutscht. Aber genau beim letzten Ansetzen des Montierhebels, klemmt sich der Schlauch dazwischen. Ich fluche, das kann nicht war sein, der neue Schlauch ist jetzt ebenfalls hin. Wir haben die Wahl, entweder das Fahrradflickzeug oder den schmaleren Reserveschlauch des Vorderrades einbauen. Wir entscheiden uns für die zweite Variante, fluchen pressen und wuchten .Geschafft nach insgesamt 1,5 Stunden rollen wir wieder Nordwärts. Vorbei an Bremen, Hamburg erreichen wir doch noch pünktlich die Fähre in Kiel nach über 460 Kilometern. Es ist knapp unter Null Grad und wir warten darauf mit Lkws, Schweinetransportern und einer Menge Autos auf die Fähre gelassen zu werden. Die Ostsee ist glatt und ruhig. Wir dösen in der Kabine und essen zum Frühstück seltsame Dinge, die fettreich und gewürzarm sind. Die 22 Stunden Fährreise vergehen wie im Fluge und um 20 Uhr am darauf folgenden Tag erreichen wir Klaipeda dem Tor zum Baltikum. Während in der Bar eine russisch anmutende Geburtstagsgesellschaft feiert, schleppen wir die Taschen ins Hotel Vetra. Kalt ist es, minus 5 Grad zeigt das digitale Thermometer am nächsten Morgen. Die Strassen direkt hinter Klaipeda sind frei und trocken. Die neuen Reihenhäuser sehen aus wie die Miniaturausgaben in einer Weihnachtsdekoration, schön beleuchtet und leicht mit Puderzucker überzogen. Dick eingepackt sitzen wir, wie die Michelin-Männchen auf den alten Maschinen. Immer wieder grüssen uns die Autofahrer und halten den Daumen hoch.  Knapp 12 Kilometer nördlich hinter Siauliai liegt der Berg der Kreuze. Das Wahrzeichen des Widerstandes gegen die Besatzung durch die russischen Brüder. Der Papst war hier, Politiker und jetzt auch die Jungs von aufSpur. Eine vereiste Nebenstrasse gilt es zu bewältigen und dann steht er da der kleine Berg. Eher ein Hügel der Kreuze, aber es hat schon etwas Mystisches wenn man die zig-tausende Kruzifixe sieht. Fast alle Nationen haben sich hier verewigt und die Kreativität ein Kreuz zu schaffen scheint hier kein Ende zu finden. Mitten auf dem Hügel steht ein gläubiger Mann, der nichts anderes zu tun hat als den Besuchern auf seiner mitgebrachten Videokamera, den Besuch vom Papst zu zeigen. Aus einem versteckten Weltempfänger plärrt eine Übertragung aus dem Vatikanstaat, während junge Gläubige am anderen Ende des Berges ihre kleinen, mitgebrachten Kreuze mit Draht befestigen. Fotoapparate werden gezückt und etwas unfreiwillig sind wir die willkommenen Motive von den Touristen.
Der nächste Morgen erwartet uns mit minus 2 Grad und ganz leichten Schneetreiben. Das Navigationsgerät zeigt 186 Kilometer, davon 146 bis zur nächsten Abbiegung. Eigentlich schade das 305 Kubikzentimeter-Motorräder keinen Tempomat habe. Wir fahren immer der Via Baltikum nach und die Gedanken verlaufen sich im Wald der uns Kilometerlang beschützt. Wir irren ab Audru in Estland,in den kleinen, mit Schnee und Eisrillen überzogenen Waldstrassen umher. Im Sommer scheinen das unbefestigte Schotterstrassen zu sein, jetzt bestehen die Routen aus hartgefrorenen Wellblechpisten die längs mit Spurrillen durchzogen sind. Egal wie man fährt, das Vorderrad gehorcht immer dann nicht, wenn das Hinterrad eh schon seinen eigenen Weg geht. Guido flucht, und ich übe Souveränität, denn die Orientierung habe ich komplett verloren, aber das braucht mein Mitfahrer ja nicht zu wissen. Kurz hinter Pootsi zweigt der Weg ab zur Insel Kihnu und dort finden wir ein kleines Quartier mit einem übergroßen, trotteligen Hofhund, einer Katze die wie ein aufgepumpter Luchs aussieht und einem molligen Kaminfeuer, das Ganze zu einem Übernachtungspreis von 15 Euro pro Nase.
Der Zimmerwirt ist gleichzeitig Bauer, Fischer, Forstbesitzer, Bootsverleiher und vieles mehr. Er rät uns lieber zur Insel Manilaid zu fahren, dort haben die Inselbewohner die gleiche Lebensweise und Tradition. Der Vorteil hierbei ist eindeutig, die Ostsee sei nicht so tief! Die Nacht war kalt und umso besser wärmt der Kamin, der schon wieder kräftig prasselt. Unser Hüttenbesitzer ist seit 6 Uhr im Wald und hat uns das Feuer vorbereitet. Was für ein Luxus. Das Frühstück fällt heute eher spartanisch aus, denn wir wollen aufs Meer.Die Taschen lassen wir zurück, auf die passt der riesige Hofhund auf. Hoffentlich weiß kein Dieb, das der Hund nur ein Poser ist und außer kräftig bellen nur freundlich mit seinem Stummelschwanz wedeln kann. Er hat sich an uns und unsere knatternden Motorräder bereits gewöhnt und liegt verträumt im kalten Schnee. Der Weg zum Hafen Munalaid beträgt keine 3 Kilometer mehr und dann sehen wir das Malheur. Eine offene Fahrrinne! Also kein Eisweg zur Insel Kihnu. Es ist minus 2 Grad kalt und ein eisiger Wind fegt übers einsame Eis. Der Weg zur näheren Insel Manilaid ist nicht weit. Wir testen die selbstgebauten Seitenski und Schneeketten an der GPZ. Die Eisangler halten uns zwar für verrückt, aber dulden uns stillschweigend. Denn sie sehen welchen Spaß die motorangetriebene Thermokombiträger, mit ihrem Abenteuermobilen haben. Nach einer kurzen Strecke kehren wir um, denn das Ostsee-Eis ist einfach zu dünn und das Risiko des Einbrechens erscheint uns zu groß.Vorbei an der Stadt Pärnu, Sindi, Tori, folgen wir den Wegen ins Naturschutzgebiet SoomaaRahvuspark. Die Strassen im Nationalpark sind geschobene Pisten und der Schnee ist zu Eis gefahren worden. Bis jetzt haben wir fast 90 Minuten für 15 Kilometer gebraucht und uns wird die Hinterradrutscherei einfach zu bunt.
Selbst die Fahrer eines Streuwagens halten an, um uns auf ihren Fotohandys zu verewigen. Wir packen die Schneeketten aus. Wir erreichen Otepää, eines der drei Wintersportgebiete in Estland. Mit eine Höhe von knapp 213 Meter über Null nicht gerade ein Hochgebirge, aber für die Esten ein beliebtes Skigebiet. Otepää ist ein kleines Städtchen und Lokalpatrioten halten die Gegend mit dem heiligen See Pühajärvs für eine der schönsten vom ganzen Land. Es hat die ganze Nacht geschneit. Die Strassen sind frisch gepudert und noch kein Schneepflug hat die Strasse nach Vöru geräumt.
Langsam fahren wir in den Spuren der vorausfahrenden Fahrzeuge. In einer einsamen Waldstrasse rüsten wir die GPZ 305 mit den selbstgebauten Stütz-Skier aus. Aufnahmen an den verstärkten Sturzbügeln sind von mir entworfen worden und die Skier aus Honda-Federbeinen, Unterteile von Rollerblades, selbstgebauten Spurstangen und den abgesägten Curvingskiern werden von uns montiert. Die GPZ steht jetzt von alleine und mit den Schneeketten am Hinterrad pflügt sie sich durch den Neuschnee. Nach einiger Zeit werde ich immer übermütiger und fliege förmlich über die Piste. Die Skier fangen jeden Schlenker gefedert ab und das Motorrad kann einfach nicht umkippen. Das Ganze gipfelt darin, dass ich liegend auf der Sitzbank durch den Wald fahre. Sämtliche Tiere haben Reißaus genommen, da unsere Freudenschreie alles übertönen. Guido schnallt sich die mitgebrachten Gleitschuhe aus den 70er Jahren unter die Winterstiefel und lässt sich von mir und der Snow-Kawasaki ziehen. Die Motorräder stehen vereist im Hof. Das Frühstück war wieder einmal so köstlich und gemütlich, so dass es uns sehr schwer fällt die alten Thermokombis wieder anzuziehen. Warum im Winter.... fragt in gebrochenem Deutsch ein älterer Mann, während wir die Motorräder bepacken. Wir schauen uns verdutzt an, tja warum fahren wir eigentlich im Winter, schießt es uns durch den Kopf. Im Winter Motorrad zu fahren, ist ein besonderes Erlebnis, denn so etwas macht kaum jemand, antworten wir ihm. Er schüttelt ungläubig, aber lächelnd den Kopf und wünscht uns weiterhin viel Glück. Die Frage warum im Winter beschäftigt mich immer wieder. Kann man Winterfahrer verstehen? Die Wälder sind komplett mit Schnee überzogen. Die Strassen sind geräumt, aber die Mittelstreifen bergen immer wieder Schneematsch.
Der Vorderreifen würde sich hier schnell zusetzen, deswegen suchen wir uns die Ideallinie in den Autospuren der voraus fahrenden Fahrzeuge. Äußerst konzentriert fahren wir Richtung Vöru. Wir folgen dann der 2 bis zur russischen Grenze. Unterwegs treffen wir den einzigen Motorradfahrer, eigentlich ein Quadfahrer. Eines von diesen kleinen Kinderquads steht vor einer SEB-Bank Filiale, als die Tür aufgeht trauen wir unseren Augen nicht. Ein kleines Mütterchen mit einer riesigen Handtasche, bereit damit jeden Dieb in die Flucht zu schlagen setzt sich lächelnd auf ihr Quad. Je näher wir an die Grenze zu Russland kommen, desto rissiger werden die Strassen und die Schlaglöcher sind nur notdürftig mit Teer geflickt. Keine Tankstellen mehr an den Hauptstrassen.
Zwischen Russland, Estland und Lettland herrscht ansonsten kaum noch Autoverkehr. Wir erreichen nach knapp 80 Kilometer die russische Grenze zum Fotoshooting. Anschließend folgen wir dann der E77 westwärts, um die kurze Distanz nach Lettland zu bewältigen. Trostlos ist diese Strasse. LKW Transitverkehr, eingefallene Holzhäuser, zwei streunende Hunde und sonst gar nichts. Da freuen wir uns schon auf die Stadt Aluksne, denn hier gibt es etwas für Eisenbahnfans.
Eine Schmalspurbahn aus den 50er Jahren. Ohne es zu wissen haben wir in den Überresten der einstigen Wahrzeichen von Gulbene übernachtet. Ein Schlosskomplex, der seit dem Krieg verfiel und nun zum Hotel wiederauferstanden ist. Zu einem kleinen Preis von 33 Euro pro Person, kamen wir uns vor wie von königlichen Motorradfahrer-Adel. Kurz vor Madona sehe ich aus dem Augenwinkel ein Schloss bei dem alten Städtchen Cesvaine. Die Auffahrt ist für Autos zwar gesperrt, aber wofür fahren wir Motorräder. Das große Portal erinnert an einen Gruselfilm, es öffnet sich knarrend heraus tritt ein hagerer Mann, dessen Zähne schon vor langer Zeit das Weite gesucht haben. Do you speak english? Er schüttelt den Kopf, gibt uns aber ein Zeichen zu warten. Plötzlich erscheint er mit einem Bauarbeiter, der einen perfekten englischen Redeschwall auf uns loslässt. Wenn wir Interesse an einem wunderschönen Restaurationsobjekt hätten, viel Zeit mitbringen und eine kleine Spende für das Bauprojekt übrig haben, so sollten wir jetzt eintreten.
Der Mann heißt Jesse und ist ein Kanadier mit lettischer Abstammung. Er hat eine besondere Geschichte und das scheint auch der Grund zu sein, warum er soviel Herzblut in die Lebensaufgabe steckt und dieses Schloss eigenhändig restauriert. Jesses Großeltern wurden mit dem damals 12 jährigen Onkel nach Sibirien deportiert. Der Großvater wurde dort erschossen und der Onkel, sowie die Großmutter kamen erst nach Stalins Tod im Zuge einer Amnestie wieder frei. Nach fast 15 Jahren Haft. Jesses Vater entkam als kleiner Junge der Deportation und wanderte später nach Kanada aus. Jesse lebte fast 25 Jahre dort und kehrte in das Dorf und dem Haus seiner Ahnen zurück. Hier entwickelte er eine Liebe zu dem alten Schloss. Das Schloss ist relativ jung und wurde Anfang 1900 von dem deutschen Baron Wulf in nur 2 Jahren erbaut. Dieses Schloss beinhaltet alle Raffinessen der Architekturkunst in sich und Jesse schwärmt von den Tricks des damaligen Bauhandwerkes. Aber auch die Dummheit der Vorväter lässt er nicht außer Acht.Das Schlimmste was dem alten Schloss passieren konnte war die russische Besatzung, die Dummheit und die Korruption, sagt er. In den 1980er Jahren brannte sogar das Schloss fast nieder. Die Bauwut der Kommunisten, der mangelnde Sinn für die Kultur war der Grund für die Achtlosigkeit und sie zerstörten zu Vieles von dem alten Schoss. Die Selbstherrlichkeit der Schuldirektoren gab dem Bauwerk den Rest. Menschen wie Jesse ist es zu verdanken, das es nun wieder aufgebaut wird und wir sind beeindruckt von der Begeisterung dieser Menschen. Fast zwei Stunden dauert die beeindruckende Führung und Jesse verschwindet wieder in seinem Lebenswerk.Nach Madona wechseln wir auf die A6 Richtung Daugavpils. Nicht weit von der weißrussischen Grenze. Der Regen ist jetzt sehr starkt, aber auch das gehört zum Winterfahren. Die Dunkelheit gibt uns den Rest und wir versuchen in Utena ein Hotel zu finden. In einem Industriegebiet finden wir ein Truckerhotel. Eine ältere Frau sitzt hinter einem Fenster mit der Aufschrift Registracija. Sie kann weder englisch noch spreche ich ihre Sprache, aber wir werden uns einig. Für 100 Litas, ca. 26 Euro bekommen wir ein 4 Mann Zimmer ohne Frühstück und einem sehr gewöhnungsbedürftigen Bad.Die Motorräder stellen wir auf den hoteleigenen Parkplatz mit dickem Zaun, Schranke und bewaffneten Wächter, in bester Gesellschaft bei den riesigen LKWs und Autotransportern. Am nächsten Morgen, trauen wir kaum unseren Augen. Der Parkplatz hat sich zu einem riesigen Automarkt verwandelt. Teilweise werden die Autos direkt vom Transporter verkauft. An der Windschutzscheibe vom LKW stehen auf einem Schmierzettel die Daten und Preise der geladenen Pkws. Obwohl Litauen zum Ostblock gehörte, liegt hier der Mittelpunkt Europas. Aber es gibt nicht nur einen Mittelpunkt sondern zwei Mittelpunkte. Das Herz Europas dort wo bei 25Grad 19 Min Längengrad und 54Grad 54 Min. Breitengrad zusammentreffen, befindet sich der geografische Mittelpunkt Europas. Der Regen wandelt sich in Schneeregen, hört aber kurze Zeit wieder auf, denn jetzt schneit es richtig.Unsere Reisegeschwindigkeit reduziert sich auf 40 Stundenkilometer, da das Visier immer schneller zuwächst. Wir kommen mit dem Freiwischen nicht mehr nach. Es ist kalt, aber zwangsläufig erhöhen wir unsere Körpertemperatur, da wir uns stark auf die Strasse konzentrieren müssen. Bei Birstonas, ca. 70 Kilometer vor der polnischen Grenze brechen wir die Tagesetappe ab, es ist einfach zu glatt und zu dunkel geworden.Da freuen wir uns lieber auf dem Kamin in unserem kleinen Hotel. Die Polnische Grenze erreichen wir über Marijampole. Die offene Grenze scheint auch eine topografische Linie zu sein. Die Landschaft wird wieder hügelig und wunderschön kurvig. Storchennester zeigen an, dass wir in die Masuren erreichet haben. Über Suwalki folgen wir der 653 nach Olecko bis Gizycko. Im Sommer muss das ein Paradies für Angler und Wassersportler sein. Nicht umsonst heißen die Masuren auch das Land der tausend Seen. Für uns erfordern kleine Verbindungsstraßen eine besondere Körperbeherrschung. Die Strassen bestehen aus Kopfsteinpflaster und jetzt liegt natürlich Restschnee darüber, danach enden solche Strassen grundsätzlich in einem Feldweg mit klebrigem Matsch. Zu allem Überfluss sind die Wege meistens vereist oder haben Wasserlöcher, die so groß, dass man sein Motorrad darin versenken könnte. Ein Bauer mitten im Wald bestätigt uns den Weg nach Zywy, der Mann spricht ein gutes Englisch und so finden wir den genauen Weg, denn das Navigationsgerät hat mal wieder den Satelliten verloren. Die Technik versagt, aber das ist gut sonst hätten wir den Mann nie gefragt.Zywy früher Siewen im Kreis Angerburg liegt im alten Ostpreußen. Hier befindet sich der alte Bauerhof auf dem mein Großvater aufgewachsen ist.
Als junger Mann hat er in dem Dorfeigenen Postamt gearbeitet und mit seiner Mutter und seiner Schwester dort gelebt. Als der Krieg kam wurde er eingezogen, geriet in Gefangenschaft und sah den Hof nie mehr wieder. Seine Schwester floh mit Ihrer Mutter vor die vorrückende russische Armee und die beiden Frauen schlugen sich bis nach Danzig durch. Dort schafften sie es auf das letzte Schiff zu kommen, das Danzig noch verlassen durfte und gerieten in dänische Gefangenschaft. Im Nachkriegs- Westdeutschland fanden sich die Familienmitglieder dann wieder. Aus dieser zeit existieren in meiner Familie noch unzählige Geschichten und einige alten Fotos von dem Haus. Nun stehen wir davor, die Eingangstür wurde mittlerweile versetzt, aber ansonsten steht noch alles so da wie vor 60 Jahren. Der junge Baum vor dem Haus ist mittlerweise ein dicker alter Stamm und das Postamt in der Nähe des Hofes ist geschlossen. Was muss hier alles passiert sein? In dem Haus wohnt jetzt eine Familie die selbst ein schweres Schicksal hinter sich hat. Die Familie wurde mit Maschinengewehren zwangsumgesiedelt und kam aus russischen Gebieten. Der Hof kommt mir jedoch ziemlich klein vor. In den Geschichten meiner Großtante war alles so herrlich schön, so groß und so romantisch.Am Nachbarhaus holt ein altes Mütterchen klappernd das Wasser aus dem tiefen Brunnen während ein riesiger Schäferhund unseren Motorrädern nicht traut. Die 592 bringt uns nach Ketrzyn, hier steht die Wolfsschanze aus Hitlers schrecklichen Zeiten. Aber die kleine Kawasaki will nicht mehr und lässt den Antriebsriemen hängen.
Gerade als ich nach einem Foto wieder anfahren will, heult der Motor auf und der Zahnriemen liegt gerissen auf der Strasse. Was für ein Schock. Wir schieben das Motorrad herunter von der Straße in einen Waldweg und beginnen das Werkzeug auszupacken. Hinterrad ausgebaut, Federbeingelöst, Schwinge ausgebaut, Riemenscheibe demontiert und nun kann der neue Zahnriemen eingebaut werden. Hört sich einfach an, aber man benötigt erstens einen Zahnriemen und Spezialwerkzeug zum Lösen der Riemenscheiben. Ich weiß kein Motorradfahrer hat so etwas dabei, aber wenn man eine 22 Jahre alte Kawasaki fährt und die Teile in der Garage hat, na dann kann man doch mal.Alles klappte wunderbar, bis die Mutter der Riemenscheibe an die Reihe kam, sie ließ sich einfach nicht lösen. Ein langer Hebel oder eine Knippstange muss her. Nur hier im Wald haben wir keine Chance so etwas zu finden. Da fällt mein Blick auf den Seitenständer, den könnte man doch ausbauen und dann kann es klappen. Nach knapp 2 Stunden schnurrt die Kawasaki wieder, nur wir fahren mal wieder in die Dunkelheit.Wir haben uns im Hotel Dworek einquartiert.Dieses Herrenhaus stammt aus dem Jahr 1913 und liegt mitten im Wald an einem romantischen See nur 1 Kilometer von der Wolfsschanze entfernt. Die Wolfschanze ist das ehemalige Hitlerhauptquartier.
Hier war Hitler zirka 800 Tage und dirigiert mit seinen Generälen die Gräueltaten gegen den Rest der Welt. Mit dem Bau des Hauptquartiers wurde 1940 begonnen und erst 1944 beendet. Die Anlage bekam den Namen Wolfsschanze, unmittelbar nach dem Überfall auf die Sowjetunion durch die Wehrmacht. Das Gebiet der Wolfsschanze ist 2,5 Quadratkilometer groß und umfasst mehr als 30 Bunker und Gebäude. Hier wurde auch das Attentat durch Graf von Stauffenberg auf Hitler verübt. Während einer Lagebesprechung wurden chemische Bomben von ihm und seinen Adjutanten gezündet. Diese verfehlten allerdings ihr Ziel, Hitler wurde nur leicht verletzt und so konnten die beiden dem Krieg leider kein Ende setzten. In der Anlage war alles vorhanden, eine eigene Zugverbindung, Garagen, Flakstellungen Bunker für die Generäle und Soldaten, Sauna, Casino, Kino und eine Heizzentrale. Die einzelnen Nazigrößen bekamen jeweils ihren eigenen Bunker, um bei eventuellen Angriffen nicht zusammen unterzugehen. Nach der Eroberung durch die Sowjetunion wurde alles dem Erdboden gleich gemacht, zumindest hat man es versucht. Die monströsen Bauwerke ließen sich nicht vollständig zerstören. Ruhig und verlassen liegt dieser Ort jetzt unter einer Schneedecke begraben.
Die großen Bunkeranlagen sehen aus wie alte Inka-Pyramiden im unwirklichen Urwald. Riesig sind diese Bunker, teilweise so gesprengt worden, das die Außenwände einfach zur Seite geklappt sind und dann die vier bis acht Meter dicken Decken alles unter sich begraben haben. Der Parkplatz liegt in Mitten der Bunkeranlage. und pro Person zahlt man 10 Zloty cirka 2,5 Euro Eintritt.Der Rückweg führt uns über die 16 Richtung Olstyn.Neben dieser alten Strasse wird großflächig eine neue Schnellstrasse gebaut und in ein paar Jahren werden die Wege in die Masuren kürzer und schneller werden, aber vermutlich auch ihren Reiz verlieren.Die Seen sind immer noch zugefroren, während der Schnee am Straßenrand längst das Weite gesucht hat. Wir sind auf der Hauptstrasse 16, Olstyn liegt bereits hinter uns. Damit haben wir die imaginäre Grenze zu den Masuren hinter uns gelassen. Wir folgen der Route nach Poznan. Die Strasse ist höllisch, alle LKWs fahren auf dieser Hauptverkehrsroute und der Straßenbelag hat zwei tiefe Furchen durch die tonnenschwere Last bekommen. Die Überholmanöver des Gegenverkehrs sind mehr als abenteuerlich und wir müssen doppelt aufpassen. In Poznan hat die Straßenführung nichts mehr mit normalen Verstand zu tun, der komplette Schwerlastverkehr wird mitten durch die Stadt geführt. Die Schlote der Vorstadt rauchen sowieso schon stark genug, da fallen die LKW Abgase kaum noch ins Gewicht.Kurz hinter Poznan beginnt die polnische Autobahn A2. 3 Euro Strassenbenutzungsgebühr muss man als Motorradfahrer bezahlen. Aber lange dauert die Fahrt nicht, denn die Autobahn ist keine 40 Kilometer lang. In einer langen Schlange von Schwertransportern quälen wir uns Richtung Deutschland, es wird dunkel und mit 0,8 Grad feuchtkalt. Der Nächste Tag ist unsere Marathonetappe über 700 Kilometer haben wir vor uns, das Wetter bleibt trocken. Die Kilometer ins alte Ruhrgebiet spulen wir nacheinander ab. Frankfurt Oder, Berlin, Magdeburg, Dortmund….. Lauf Baby lauf... die Kolben arbeiten unermüdlich auf und ab. Die kleine Kawasaki verrichtet unermüdlich ihren Dienst, denn hinter ihr liegt eine 3500 kilometerlange, abenteuerliche, aufregende Wintergeschichte und darauf kann sie wie ihre Besitzer stolz sein.
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